www.humanecology.ch · Skripten 1998/99 · Biologische Evolution

2.4 Die Zwischenlösung als relationale Alternative

Materialistische Interpretationen passen in ein atomistisch-mechanistisches, vitalistische in ein holistisch-organismisches Weltbild (vgl. "Weltbilder" 1.4.). Beide entsprechen extremen Positionen an entgegengesetzten Enden eines Spektrums. In gewissem Sinne bedingt das eine das andere, es handelt sich um zwei zueinander komplementäre Aberglauben, wie Bateson und Bateson erläutern: "When we focus too narrowly upon the parts, we fail to see the necessary characteristics of the whole, and are then tempted to ascribe the phenomena which result from wholeness to some supernatural entity."70 Die Trennung von Materie und Geist hat zur Folge, dass die Hälfte, die man erklären kann, übertrieben materialistisch wird, die restliche Hälfte total übernatürlich. "The materialist superstition is the belief ... that quantity (a purely material notion) can determine pattern. On the other side, the antimaterialist claims the power of mind over matter. ... both are nonsense."71 Koestler stimmt damit überein, wenn er sagt, es könne nicht darum gehen, sich für das eine oder das andere zu entscheiden, denn es handle sich um falsche Alternativen. Was dann? Es gibt die Möglichkeit einer Zwischenlösung, die dann, nach dem, was wir früher zu den Weltbildtypen72 gesagt haben, fast logischerweise Charakteristika aufweisen muss, die einem relational-evolutionären Weltbild angemessen sind. Es gibt keine Einbahn-Kausalität von unten nach oben oder von oben nach unten. Materie und Geist bilden eine Einheit, sie sind wechselseitig miteinander verbunden. Die Evolution ist damit weder nur materiell, noch nur vitalistisch zu erklären, und es herrschen weder grundsätzliche Zwecklosigkeit noch ausschliessliche Zweckhaftigkeit (im Sinne von vorgegebenen Endzwecken). Damit kann bezüglich der Frage: Zufall oder Plan? eine Teilwahrheit auf beiden Seiten liegen, meinen Leakey und Lewin.73 Es gibt Zufallskräfte, die in der Erdgeschichte am Werk sind, aber andererseits hat sich in sehr offensichtlicher Weise auch das Leben vom Einfachen zum Komplexen entwickelt, und zwar sowohl hinsichtlich Anatomie als auch Verhalten, und das deutet doch darauf hin, dass dem Ganzen ein sinnvoller Trend zugrundezuliegen scheint.
Konkreter können wir uns eine relationale Interpretation so vorstellen, dass Organismen im Austausch mit der Umwelt über die Fähigkeit verfügen, mit Bezug auf die momentan gegebenen äusseren Bedingungen relativ kurzfristige Entwicklungsziele anzusteuern. Koestler macht dazu den Vergleich mit dem Schachspieler, der die Endstellung nie voraussehen kann, sondern seine Fähigkeiten einsetzen muss, um sich bietende Gelegenheiten zu seinem Vorteil zu nutzen.74
It means ... that the evolution of life is a game played according to fixed rules which limit its possibilities but leave sufficient scope for a limitless number of variations. The rules are inherent in the basic structure of living matter; the variations derive from adaptive strategies. ... It [evolution] could be compared to a musical composition whose possibilities are limited by the rules of harmony and the structure of the diatonic scales - which, however, permit an inexhaustible number of original creations.75
Das Beispiel des Schachspielers würde darauf hindeuten, dass der Zufall nun keinen Platz mehr hat, weil dieser ja den Entscheid über seine Züge nicht einem Zufallsprinzip überlässt. Vielleicht aber ist das Schachspiel das falsche Beispiel, vielleicht wäre ein Würfelspiel die passende Metapher. Dies würde den Auffassungen von Manfred Eigen und Ruthild Winkler entsprechen, die die evolutionären Vorgänge als ein Spiel sehen, bei dem der Zufall die grundlegende Variationsquelle ist, aber im Laufe der Zeit wegen des stufenweisen Aufbaus von immer komplexeren Strukturen einen immer engeren Rahmen bekommt, in dem er noch spielen kann.76 Also doch ein Zusammenwirken von Zufall und Notwendigkeit? Wenn ja, dann jedenfalls nicht im Sinne des ursprünglichen Verständnisses, das eine ungehinderten Einfluss einer Veränderung im Genotyp auf Anatomie und/oder Verhalten eines Lebewesens sieht, so dass das Resultat dann direkt der Beurteilung der selektiv wirksamen Umweltfaktoren unterworfen wird, sondern im Sinn eben eines stufenweisen Vorganges, bei dem schon den Spielregeln auf verschiedenen internen Ebenen eine einschränkende Rolle zukommt. Koestler selbst will den Zufall nicht grundsätzlich ausschliessen, aber insgesamt sieht er die kreative Initiative der Lebewesen, die sich nicht passiv, sondern zielgerichtet aktiv verhalten, als Hauptfaktor der Evolution - und nicht den Selektionsdruck der Umwelt.77 Sie produzieren damit neue Varianten ihrer Lebensweise, und die Frage ist, ob, wenn z.B. die Mitglieder einer bestimmten Population eine neue Verhaltensweise angenommen haben und diese via Imitation an die Nachkommen übergeht, darauf gewartet werden muss, dass irgendwann der Zufall die richtige Mutation produziert, die dann die fragliche Verhaltensweise genetisch verankert, oder ob es hier eine direktere, zielgerichtete Rückkopplung gibt. Wir wären damit wieder bei der Frage der Möglichkeit einer Vererbung lamarckistischer Art, die wir doch eigentlich schon endgültig abgeschrieben wähnten. Es scheint, dass Waddington Experimente durchgeführt hat, die eine solche Möglichkeit offen lassen, wobei allerdings auch nicht entschieden werden kann, ob nicht vielleicht auch ein in Wirklichkeit darwinistischer Prozess eine lamarckistische Imitation zustandebringt.78 Wenn aber ein echt lamarckistisches Element an solchen Vorgängen beteiligt ist, dann sicher nicht im ursprünglichen Sinne von Lamarck, nämlich so, dass ontogenetisch entstandene Merkmale an die nächste Generation gleich weitergegeben werden, sondern allenfalls so, dass der fragliche Organismus ein genetisches Mutationsverhalten zeigt, das nicht rein zufällig ist, sondern in sinnvoller Weise auf die Umweltbedingungen Bezug nimmt. Hier ist ein Ergebnis interessant, das von den amerikanischen Mikrobiologen John Cairns, Julie Overbaugh und Stephen Miller berichtet worden ist. Sie haben in Laborversuchen festgestellt, dass ein gewisses Bakterium in giftiger Umwelt signifikant rascher, als es beim Herrschen reinen Zufalls zu erwarten gewesen wäre, zu einer Immunität mutierte.79 Das letzte Wort dürfte hier noch lange nicht gesprochen sein.
Die Diskussion zeigt, dass wir natürlich auch mit der Wahl eines relationalen Gesichtspunktes nun nicht plötzlich Gewissheit haben, sondern, dass wir uns, indem wir verschiedene, voneinander abweichende Ansätzen vertreten, immer noch bestens streiten können. Aber diese Ansätze können einander nicht mehr diametral gegenüberstehen; es handelt sich mehr um Varianten des gleichen zugrundeliegenden Themas. Dies wollen wir im nächsten Abschnitt noch mit einigen Beispielen zeigen.

Anmerkungen

70
Gregory Bateson und Mary Catherine Bateson 1987: 52.
71
Bateson und Bateson 1987: 59.
72
Vgl. "Einführung in die Humanökologie", 4.4.
73
Vgl. Leakey und Lewin 1995: 37.
74
Siehe Koestler 1981: 152.
75
Koestler 1981: 148.
76
Manfred Eigen und Ruthild Winkler 1975.
77
Vgl. Koestler 1981: 197-198.
78
Siehe Koestler 1981: 155-156.
79
Zeitungsmeldung mit Bezug auf einen Artikel in Nature Bd.335, 1988: 142.