www.humanecology.ch · Skripten 1998/99 · Kulturelle Evolution

2.1 Individuum und Gesellschaftw

Natürlich hat es im Laufe der Zeit die verschiedensten gesellschaftstheoretischen Ansätze gegeben. Insbesondere hat immer wieder die Frage Anlass zu Diskussionen gegeben, wie die kausalen Verhältnisse zwischen Individuen und Gesellschaftw zu beurteilen sind. Entsteht die Gesellschaftw als Ganzes durch die Akkumulation des Handelns der einzelnen Mitglieder oder sind umgekehrt gesellschaftliche Strukturen vorgegeben, die dann die möglichen Handlungen der Individuen bestimmen? Die verschiedenen Ansichten passen perfekt in unser Weltbild-Klassifikationsschema (vgl. 4.4 in "Einführung in die Humanökologie"): Wird die Frage im ersteren Sinne beantwortet, haben wir es mit einer atomistischen Sichtweise zu tun, wird dagegen die zweite Möglichkeit bejaht, wird eine holistische Perspektive favorisiert. In Abbildung 2 sind diese beiden Auffassungen als "Modell 1" und "Modell 2" aufgeführt. Nach einer Arbeit des englischen Wissenschaftsphilosophen Roy Bhaskar,18 der dieses Thema diskutiert, können die Ansätze des Soziologen Max Weber (1864-1920) und des Philosophen Karl R. Popper (1902-1994) dem Modell 1 zugerechnet werden.19 Weitere zu ihrer Charakterisierung verwendeten Adjektive sind, neben "atomistisch", "individualistisch" und "voluntaristisch". Die letztere Bezeichnung weist darauf hin, dass der Aspekt des freien Willens in den Vordergrund gestellt wird. Als klassisches Beispiel für das Modell 2 nennt Bhaskar das Beispiel von Emile Durkheim.20 Seinen Ansatz und andere verwandte Theorien werden auch als "strukturalistisch" oder "kollektivistisch" bezeichnet.
Abbildung 2: Verschiedene Modelle der Gesellschaft[s]w[/s] (nach Bhaskar 1978):  / Modell 1: Atomistisch, individualistisch, voluntaristisch (Beispiele: Weber, Popper);  / Modell 2 Holistisch, kollektivistisch, strukturalistisch (Beispiel: Durkheim);  / Modell 3: Dialektisch (Beispiel: Berger und Luckmann);  / Modell 4: Relational, evolutionär, transaktional, transformatorisch (Beispiel: Giddens)
Abbildung 2: Verschiedene Modelle der Gesellschaftw (nach Bhaskar 1978):
Modell 1: Atomistisch, individualistisch, voluntaristisch (Beispiele: Weber, Popper);
Modell 2 Holistisch, kollektivistisch, strukturalistisch (Beispiel: Durkheim);
Modell 3: Dialektisch (Beispiel: Berger und Luckmann);
Modell 4: Relational, evolutionär, transaktional, transformatorisch (Beispiel: Giddens)
Wiederum ist es plausibel, dass eine Kombination der beiden gegensätzlichen Sichtweisen der Wirklichkeit besser gerecht werden dürfte. Modell 3 und Modell 4 stehen für entsprechende Versuche in dieser Richtung (siehe Abbildung 2). Das erstere beschreibt die Wechselwirkung als eine dialektische, die so verstanden werden kann, dass im Ablauf der Zeit abwechslungsweise die Individuen die Gesellschaftw beeinflussen und dann wieder die Gesellschaftw auf die Individuen zurückwirkt. Bhaskar zählt die gesellschaftstheoretischen Auffassungen von Peter Berger und Thomas Luckmann dazu.21 Erst Modell 4 repräsentiert eine Perspektive, wie sie im eigentlichen Sinne zu einem relationalen Weltbild passt. Hier hat die Wechselwirkung einen simultanen Charakter. Wahlweise werden derartige Ansätze auch "evolutionär", "transaktional" oder "transformatorisch" genannt. Das hervorragendste Beispiel hier ist die Strukturationstheorie des englischen Soziologen Anthony Giddens, die wir im folgenden noch etwas genauer betrachten wollen und die wir auch weiterhin als gesellschaftstheoretisches Kernstück für eine auf einem relationalen Weltbild aufbauende Humanökologie betrachten werden.
Die Art und Weise, wie das Funktionieren der Gesellschaftw interpretiert wird, hat einen Einfluss darauf, wie ihre Möglichkeiten, nachhaltig zu werden, eingeschätzt werden können. Würde Modell 1 zutreffen, dann hätten es die Individuen jederzeit in der Hand, via alternatives Handeln umweltverträglich zu werden. Wäre aber Modell 2 richtig, dann müsste vermutet werden, dass eine derartige Entwicklung unmöglich ist, denn die handlungsleitenden Strukturen sind ja vorgegeben und damit nicht veränderbar. Bei Modell 4 hinwiederum ist ein Wandel prinzipiell möglich, aber er muss u.U. gegen die Trägheit schon bestehender Strukturen ankämpfen.

Anmerkungen

18
Siehe Roy Bhaskar 1978.
19
Zu Max Weber siehe z.B. Gerhard Hauck 1988: 71 ff., Gabor Kiss 1977, Bd.2: 122 ff. und Raymond Aron 1970, Bd.2: 219 ff. Karl R. Poppers gesellschaftstheoretisches Hauptwerk ist "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (Popper 1992).
20
Zu Emile Durkheim siehe z.B. Hauck 1988: 92 ff., Kiss 1977: Bd.2, 27 ff. und Aron 1970, Bd.2: 11 ff.
21
Siehe Peter Berger und Thomas Luckmann 1989.